Warum „Entspannen“ allein nicht reicht um dein Nervensystem zu beruhigen
Du kennst das vielleicht. Du hast eine anstrengende Woche hinter dir und nimmst dir fest vor am Wochenende endlich mal richtig runterzukommen. Du machst Yoga, gehst früh ins Bett und planst nichts was dich stressen könnte. Vielleicht ein langer Spaziergang, ein gutes Buch oder ein heißes Bad. Eben all das was man so liest wenn man bei Google „wie entspanne ich richtig“ eintippt.
Und trotzdem fühlst du dich am Sonntagabend nicht wirklich erholt. Du bist immer noch unruhig und der Schlaf war nicht so tief wie du gehofft hast. Dein Kopf hat die ganze Zeit weitergerattert und du fragst dich was du eigentlich falsch gemacht hast. Vielleicht warst du nicht konsequent genug? Vielleicht brauchst du eine andere Methode? Oder vielleicht hilft doch nur der nächste große Urlaub?
Die Antwort ist meistens eine andere und ehrlicherweise auch eine ziemlich befreiende. Es liegt nicht an dir und auch nicht an deiner Methode. Es liegt daran, dass Entspannung anders funktioniert als die meisten denken. Genau das wollen wir uns hier anschauen. Warum dein Nervensystem oft nicht das macht was du dir wünschst, obwohl du eigentlich alles richtig machst. Und was es stattdessen wirklich braucht um zur Ruhe zu kommen.
Entspannung ist kein To-do sondern ein Zustand
Die meisten Menschen denken bei Entspannung an eine Aktivität. Etwas das man aktiv macht. Yoga, Meditation, ein Spaziergang oder ein Glas Wein am Abend. Man hakt es auf der Liste ab und erwartet, dass danach Ruhe einkehrt. Wenn das nicht passiert fühlt es sich oft so an als hätte man versagt.
Entspannung ist aber keine Aktivität. Entspannung ist ein Zustand deines Nervensystems.
Genauer gesagt: Entspannung bedeutet, dass dein Parasympathikus aktiv ist und dein Körper in den Modus wechselt in dem er sich regenerieren und erholen kann. Wenn dieser Modus nicht anspringt kannst du tun was du willst, dein Körper bleibt trotzdem unter Strom.
Das heißt nicht, dass Yoga oder Baden nichts bringen. Im Gegenteil, sie sind wertvolle Methoden um diesen Zustand herzustellen. Aber sie sind eben nicht die Entspannung selbst. Wie bei jeder Methode kommt es darauf an ob es gerade zur Situation deines Nervensystems passt.
Zwei Wege dein Nervensystem zu erreichen
Um zu verstehen was du gerade brauchst hilft ein Blick darauf wie man überhaupt auf das Nervensystem einwirken kann. Im Grunde gibt es zwei Wege.
Der erste Weg geht über den Geist auf den Körper. Du versuchst dich gedanklich zu beruhigen oder dir gut zuzureden. Du nutzt Affirmationen und versuchst die Perspektive zu wechseln. Das ist der Weg von oben nach unten. Vom Kopf in den Körper.
Der zweite Weg geht über den Körper auf den Geist. Du veränderst etwas Körperliches und das wirkt sich dann auf deinen mentalen Zustand aus. Tiefe Atmung, kalte Reize, Bewegung oder sanfter Druck. Das ist der Weg von unten nach oben. Vom Körper in den Kopf.
Beide Wege funktionieren grundsätzlich gut. Aber wenn dein Nervensystem dauerhaft unter Strom steht wird der Weg über den Kopf extrem schwierig. Dein Körper befindet sich in einem Zustand in dem er auf „Achtung Gefahr“ eingestellt ist. Da kannst du dir noch so oft sagen, dass alles in Ordnung ist. Dein Nervensystem glaubt dir nicht weil dein Körper ihm etwas ganz anderes meldet.
Deshalb ist der Weg über den Körper bei einem gestressten Nervensystem meistens der bessere. Du kannst deinem Nervensystem nicht einfach erzählen, dass es sicher ist. Du musst es ihm mit echten körperlichen Signalen zeigen die es versteht.
Welche Methode passt ist immer unterschiedlich
Die gute Nachricht ist, dass es viele Methoden gibt die über den Körper wirken. Yoga, Sport, bewusste Atmung, Akupressur oder kalte Reize. Keine dieser Methoden ist besser oder schlechter als die andere. Sie alle haben ihre Berechtigung.
Was sich aber unterscheidet ist welche Methode in welchem Moment passt. Und das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manchmal hilft eine Yogastunde am Morgen und manchmal reicht es fünf Minuten zu deiner Lieblingsmusik zu tanzen um den Kopf frei zu bekommen. Manchmal brauchst du aber auch etwas das in 30 Sekunden funktioniert, weil du gerade mitten in einer angespannten Situation steckst. Es gibt also nicht die eine richtige Methode sondern verschiedene Werkzeuge für verschiedene Momente.
Zeit und Raum sind oft das eigentliche Thema
Wenn man an Yoga oder Meditation denkt hat man oft lange Einheiten im Kopf für die man sich extra Zeit nehmen muss. Aber im Alltag zwischen Job und Familie ist diese Zeit oft nicht da. Und genau da liegt ein großes Missverständnis.
Du brauchst nicht immer die volle Stunde um etwas zu bewegen. Schon zwei Minuten bewusste Atmung können deinen Puls senken. Eine Minute in der du kurz aufstehst und dich einmal kräftig schüttelst kann deinem Nervensystem signalisieren, dass eine Pause da ist. Eine Minute in der du wirklich bei dir bist statt das Handy zu checken bringt oft mehr als eine halbe Stunde halbherziges “Ausruhen”.
Das Schwierige ist meistens nur dieser eine bewusste Moment in dem du dich entscheidest kurz innezuhalten. Es gibt aber auch Methoden die noch direkter und niederschwelliger funktionieren. Ein kalter Reiz im Gesicht zum Beispiel. Wenn du dir kaltes Wasser ins Gesicht spritzt reagiert dein Körper sofort. Auch sanfter Druck auf bestimmte Punkte kann das Nervensystem direkt erreichen. Solche Methoden brauchen keinen Vorlauf und keinen bestimmten mentalen Zustand. Sie funktionieren einfach über die Biologie.
Alle Methoden haben dasselbe Ziel
Egal ob du dich auf die Yogamatte legst, kalt duschst oder einen Akupressurpunkt drückst. All diese Wege verfolgen am Ende dasselbe Ziel: Sie sollen deinem Körper signalisieren, dass er sicher ist und dein Parasympathikus aktiv werden darf.
Und genau hier wird es spannend. Denn dieser Modus hat einen ganz zentralen Hauptdarsteller. Einen Nerv der bei fast all diesen Methoden die wichtigste Rolle spielt: den Vagusnerv. Was genau er ist und warum er der wichtigste Hebel für dein Wohlbefinden ist schauen wir uns im nächsten Blogpost an.